Kaufen oder mieten — kaum eine Frage beschäftigt Haushalte in Deutschland so intensiv. Die Antwort hängt von persönlichen Lebensumständen, dem lokalen Immobilienmarkt und der Zinssituation ab. Wer die entscheidenden Kennzahlen kennt, trifft eine fundierte Entscheidung statt auf Bauchgefühl oder gesellschaftlichen Druck zu setzen.
Der Kaufpreisfaktor als erste Orientierung
Der Kaufpreisfaktor (Vervielfältiger) setzt den Kaufpreis ins Verhältnis zur Jahresmiete. Er zeigt, wie viele Jahreskaltmieten man für den Kauf zahlt — und gibt damit eine erste Einschätzung, ob ein Markt eher kauf- oder mietfreundlich ist.
Kaufpreisfaktor = Kaufpreis ÷ Jahreskaltmiete (vergleichbare Mietwohnung)
FaktorTendenzTypische Lage
unter 20xKaufen tendenziell attraktivLändlich, Strukturschwach
20–25xGraubereich — EinzelfallrechnungB-Städte, Mittelzentren
25–30xMieten oft günstigerGroßstädte
über 30xMieten fast immer günstigerMünchen, Frankfurt, Berlin Top
Hinweis: Der Kaufpreisfaktor allein genügt nicht. Entscheidend ist der Vergleich der monatlichen Gesamtkosten — Kaufen verursacht Kosten, die beim Mieten entfallen, und umgekehrt.
Break-Even-Analyse: Wann lohnt sich Kaufen?
Kaufen erzeugt hohe Einmalkosten (Kaufnebenkosten ca. 8–12 %) und laufende Eigentumskosten. Mieten bedeutet dagegen entgangene Rendite auf das Eigenkapital. Der Break-Even-Punkt zeigt, nach wie vielen Jahren die Kaufentscheidung wirtschaftlich vorteilhafter ist.
Kaufnebenkosten: Grunderwerbsteuer (3,5–6,5 %), Notar ca. 1,5 %, Makler 0–3,57 % — zusammen 8–12 % sofortiger Wertverlust.
Opportunitätskosten EK: Das eingesetzte Eigenkapital könnte alternativ 3–5 % p. a. in Aktien oder ETFs erzielen. Dieser entgangene Ertrag ist echter Kostenbestandteil.
Instandhaltungskosten: Als Eigentümer trägt man alle Reparaturen. Faustregel: 1 % des Kaufpreises p. a. als Rücklage einkalkulieren.
Wertsteigerung: Über lange Zeiträume steigen Immobilienpreise in guten Lagen. Real (inflationsbereinigt) liegen die Zuwächse oft bei 0–2 % p. a.
Gesamtkostenvergleich — Beispiel
Kaufpreis 400.000 €, 80.000 € EK (20 %), Kaufnebenkosten 10 %, Darlehen 360.000 €, Zins 3,8 %, Tilgung 2 %, Vergleichsmiete 1.400 € kalt:
PositionKaufenMieten
Wohnkosten / Monat2.070 € Rate1.400 € Miete
Instandhaltung / Monat333 €0 €
Opportunitätskosten EK (4 %)267 €–
Gesamtkosten / Monatca. 2.670 €1.400 €
Tilgungsanteil (Vermögensaufbau)ca. 600 € / Monat–
Effektive Mehrkosten Kaufenca. 670 € / Monat–
Vorteile Kaufen
Inflationsschutz: Sachwerte schützen langfristig vor Geldentwertung. Mieten steigen mit der Inflation, die Rate bleibt konstant.
Altersvorsorge: Mietfreies Wohnen im Alter reduziert den Einkommensbedarf erheblich — ein stark unterschätzter Effekt.
Wertsteigerungspotenzial: In wachsenden Regionen übertreffen Immobilien oft die Inflation langfristig deutlich.
Gestaltungsfreiheit: Renovieren, umbauen, Haustiere halten — als Eigentümer weitgehend uneingeschränkt.
Keine Eigenbedarfskündigung: Kein Vermieter, der kündigen kann. Wohnsicherheit auf Lebenszeit.
Vorteile Mieten
Flexibilität: Jobwechsel, Umzug, Trennung — als Mieter mit 3 Monaten Kündigungsfrist frei und ohne finanzielle Folgen.
Kein Klumpenrisiko: Eigenkapital bleibt breit gestreut — Immobilien binden oft 100 % des Vermögens in einem einzigen Objekt.
Kein Instandhaltungsrisiko: Dach, Heizung, Leitungen — Mieters Sorgen enden an der Wohnungstür.
Liquidität: Das nicht gebundene Eigenkapital bleibt verfügbar für Chancen, Notfälle oder andere Investitionen.
Faustregeln: Wann lohnt Kaufen?
Kaufen lohnt sich tendenziell, wenn:
• Kaufpreisfaktor unter 25x in der Wunschlage
• Mindestens 10–15 Jahre Verweildauer geplant (Nebenkosten amortisieren sich)
• Mindestens 20 % Eigenkapital vorhanden (inkl. Nebenkosten)
• Stabile persönliche Verhältnisse (Beruf, Familie)
• Kaufpreis entspricht dem Marktwert (kein Aufpreis bezahlt)
Das Wichtigste im Überblick
Kaufpreisfaktor unter 25x: Kaufen wird tendenziell interessant; über 30x spricht viel fürs Mieten. Kaufnebenkosten von 8–12 % müssen erst über Wertsteigerung oder Mietersparnis verdient werden. Opportunitätskosten des Eigenkapitals einkalkulieren — das ist echter Aufwand. Break-Even meist nach 7–15 Jahren — kürzere Haltedauern sprechen fast immer für Mieten. Vorteile Kaufen: Inflationsschutz, Altersvorsorge, Sicherheit, Wertsteigerung. Vorteile Mieten: Flexibilität, Risikostreuung, keine Instandhaltungspflicht. Es gibt keine universelle richtige Antwort — die persönliche Situation entscheidet.