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15. März 2026 · 11 Min. Lesezeit

Kaufen vs. Mieten: Vollständige Berechnung mit Break-even und Opportunitätskosten

Kaufen oder mieten — eine vollständige Kosten-Nutzungs-Rechnung mit Zahlen: Break-even-Berechnung, Opportunitätskosten des Eigenkapitals, ETF-Vergleich und Praxisbeispiel München vs. Leipzig.

"Kaufen ist immer besser als Mieten" — diesen Satz hört man in Deutschland seit Jahrzehnten. Er stammt aus einer Zeit niedriger Kaufpreisfaktoren, hoher Inflation und stabiler Zinsen. Heute, mit Kaufpreisfaktoren von 30 bis 40 in deutschen Metropolen, ist die Rechnung weit komplexer. Wer kauft, bindet Kapital, Flexibilität und Zeit. Wer mietet, kann dasselbe Geld anderweitig investieren. Welche Option finanziell besser ist, hängt von konkreten Zahlen ab — nicht von Faustregeln.

Warum die Faustregel "Kaufen ist besser" oft falsch ist

Die Idee klingt bestechend: Statt monatlich Miete an den Vermieter zu zahlen, baut man Eigenkapital auf und besitzt am Ende eine schuldenfreie Immobilie. Doch diese Sichtweise blendet mehrere entscheidende Faktoren aus. Erstens kostet Wohneigentum deutlich mehr als der reine Kaufpreis. Zweitens hat das eingesetzte Eigenkapital einen Opportunitätskostenfaktor — es könnte alternativ investiert werden. Drittens fließen in den ersten Jahren der Finanzierung fast ausschließlich Zinsen, kaum Tilgung. Und viertens verursacht Wohneigentum laufende Kosten, die Mieter nicht tragen.

Der entscheidende Maßstab ist der Kaufpreisfaktor (auch Vervielfältiger genannt): Kaufpreis geteilt durch Jahreskaltmiete. Ein Faktor von 25 bedeutet, man zahlt 25 Jahreskaltmieten für die Immobilie. Bei Faktor 35 zahlt man 35 Jahre reine Miete — ohne Zinsen, Instandhaltung oder Kaufnebenkosten. In München liegen die Faktoren häufig bei 40 bis 50, in Leipzig oder Chemnitz dagegen bei 15 bis 20.

Die vollständigen Gesamtkosten beim Kauf

Viele Kaufinteressenten rechnen nur mit Kaufpreis und Kreditrate. Die echten Gesamtkosten sind erheblich höher. Folgende Posten fallen beim Kauf und während der Haltedauer an:

Kaufnebenkosten: Grunderwerbsteuer (3,5–6,5 % je nach Bundesland), Notarkosten (ca. 1,5 %), Grundbucheintragung (ca. 0,5 %), ggf. Maklerprovision (3,57 % inkl. MwSt.). Gesamt: 7–12 % des Kaufpreises.
Zinskosten: Bei 80 % Finanzierung eines 350.000-€-Objekts (= 280.000 € Kredit) und 3,5 % Zinsen fallen in 10 Jahren Zinsbindung ca. 85.000–90.000 € Zinsen an.
Instandhaltung: Empfehlung: 1–1,5 % des Gebäudewerts pro Jahr. Bei 350.000 € Kaufpreis (Gebäudewert ca. 250.000 €) sind das 2.500–3.750 €/Jahr oder 200–300 €/Monat.
Grundsteuer: Je nach Lage und Bundesland 50–300 €/Monat. Nach der Grundsteuerreform 2025 erhebliche regionale Schwankungen.
Hausgeld (ETW): Eigentumswohnungen zahlen monatlich 2–5 €/m² Hausgeld. Bei 80 m²: 160–400 €/Monat, davon ca. 30–40 % nicht umlagefähig (Instandhaltungsrücklage, Verwaltung).
Versicherungen: Wohngebäudeversicherung, ggf. Elementarschadenversicherung: 500–1.500 €/Jahr je nach Objekt und Lage.
Gesamtkosten Kauf = Kaufpreis + Kaufnebenkosten + Zinsen + Instandhaltung + Grundsteuer + Hausgeld

Die vollständigen Gesamtkosten beim Mieten

Mieten ist nicht automatisch "Geld zum Fenster rauswerfen". Es bietet Flexibilität und vermeidet gebundenes Kapital. Die Gesamtkosten beim Mieten umfassen:

Kaltmiete: Die monatliche Grundmiete ohne Betriebskosten. Muss bei Mietpreisvergleichen bereinigt werden.
Mietsteigerung: Historisch stiegen deutsche Mieten im Bundesschnitt 2–3 % p. a. In Metropolen deutlich mehr. Über 20 Jahre wirkt die Inflation erheblich auf die Gesamtmietkosten.
Nebenkosten (Betriebskosten): Typisch 2–3 €/m² pro Monat als Vorauszahlung. Nicht vermeidbar, fallen beim Eigentümer vergleichbar an.
Entgangene Eigenkapitalrendite (Opportunitätskosten): Der entscheidende Faktor — siehe nächsten Abschnitt.

Wichtig: Betriebskosten fallen beim Mieter und Eigentümer vergleichbar an und können bei einer fairen Gegenüberstellung herausgekürzt werden. Der Vergleich sollte auf der Kaltmiete vs. den reinen Eigentumskosten basieren.

Der Opportunitätskostenfaktor — was das Eigenkapital alternativ einbringen würde

Wer ein Haus für 350.000 € kauft und 70.000 € Eigenkapital (20 %) einsetzt, kann dieses Geld nicht mehr anderweitig anlegen. Hinzu kommen die Kaufnebenkosten — sagen wir 30.000 € (8,5 %) — also insgesamt 100.000 € gebundenes Kapital. Was wäre aus diesen 100.000 € geworden, wenn man sie stattdessen in einen weltweit diversifizierten ETF-Portfolio investiert hätte?

100.000 € × 1,07^10 = ca. 196.700 € (bei 7 % p. a. Rendite nach 10 Jahren) 100.000 € × 1,07^20 = ca. 386.900 € (nach 20 Jahren)

Historisch erzielte ein globaler Aktienindex (z. B. MSCI World) über 20+ Jahre durchschnittlich 6–8 % p. a. nach Inflation. Das bedeutet: Das im Kauf gebundene Eigenkapital hat einen echten Preis. Der Mieter, der sein Eigenkapital investiert und die Differenz zwischen Miete und Kaufrate zusätzlich anlegt, kann über lange Zeiträume trotz Miete erhebliches Vermögen aufbauen.

Break-even-Berechnung: Formel und Beispielrechnung

Der Break-even-Punkt beschreibt die Mindesthaltedauer, ab der der Kauf finanziell günstiger ist als Mieten. Vereinfachte Formel:

Break-even (Jahre) ≈ Kaufnebenkosten / (monatliche Mieteinsparung - monatliche Mehrkosten Eigentum)

Konkretes Rechenbeispiel: Kaufpreis 350.000 €, Kaufpreisfaktor 25, Kaltmiete 1.200 €/Monat (= 14.400 €/Jahr × 25 = 360.000 €). Eigenkapital 70.000 € (20 %), Kredit 280.000 € zu 3,5 % Zinsen, 2 % Anfangstilgung, monatliche Rate: ca. 1.283 €.

Kostenposition
Monatlich (Beispiel)
Kreditrate (Zins + Tilgung)
1.283 €
Instandhaltung (1 % von 250.000 €/Jahr)
208 €
Grundsteuer (Schätzung)
120 €
Nicht umlegbares Hausgeld
80 €
Opportunitätskosten EK (7 % auf 100.000 €/Jahr)
583 €
Gesamtkosten Eigentum
2.274 €
Vergleichsmiete
1.200 €
Monatlicher Mehrkostenblock
1.074 €

In diesem Beispiel kostet Eigentum monatlich rund 1.074 € mehr als Mieten. Die Kaufnebenkosten betragen ca. 30.000 € (8,5 %). Damit liegt der reine Kaufnebenkosten-Break-even bei 30.000 € / 1.074 € ≈ 28 Monate — aber das ignoriert die laufenden Mehrkosten und Opportunitätskosten. Inklusive Wertsteigerungsannahme (2 % p. a.) und Mietsteigerung (2 % p. a.) ergibt sich ein realistischer Break-even erst nach 10–15 Jahren.

Tabelle: Break-even nach Kaufpreisfaktor und Haltedauer

Die folgende Tabelle zeigt vereinfacht, wie lange man in der Regel bleiben muss, damit der Kauf finanziell gegenüber dem Mieten vorteilhaft ist — bei angenommener Wertsteigerung von 2 % p. a., Mietsteigerung 2 % p. a. und ETF-Rendite 7 % p. a. (vereinfacht, ohne steuerliche Effekte):

KP-Faktor
Typische Region
Break-even ca.
Bewertung
Faktor 15–18
Sachsen, Thüringen
5–8 Jahre
Kauf klar vorteilhaft
Faktor 20–22
Ruhrgebiet, Ostdeutschland
8–12 Jahre
Kauf vorteilhaft bei Langfristigkeit
Faktor 25–28
Mittelstädte, Speckgürtel
12–18 Jahre
Grenzwertig, stark situationsabhängig
Faktor 30–35
Hamburg, Dusseldorf, Frankfurt
18–25 Jahre
Mieten oft rentabler
Faktor 38–50
Munchen, beste Berliner Lagen
25–40+ Jahre
Kaufen finanziell kaum darstellbar

Hinweis: Diese Werte sind Orientierungsgrößen und hängen stark von Zinsniveau, Wertsteigerung, persönlichem Steuersatz und lokaler Mietentwicklung ab.

Wann Kaufen klar besser ist

Es gibt Szenarien, in denen der Erwerb von Wohneigentum finanziell eindeutig vorzuziehen ist:

Niedriger Kaufpreisfaktor: In Regionen mit Faktor unter 18 amortisiert sich der Kauf bereits nach wenigen Jahren, selbst bei moderater Wertsteigerung.
Sehr lange Haltedauer: Wer 25+ Jahre im selben Objekt wohnen wird — z. B. Familienheim auf dem Land — profitiert von steigendem Mietmarkt ohne eigene Mieterhohung.
Gunstige Finanzierungskonditionen: Bei historisch niedrigen Zinsen (wie 2010–2021 in Deutschland) rechnet sich der Kauf deutlich besser als bei Zinsen uber 3,5 %.
Hohe Eigenmittel: Wer 40–50 % Eigenkapital mitbringt, reduziert die Zinsbelastung erheblich und verbessert die Renditerechnung massiv.
Gestaltungswille und Sesshaftigkeit: Wer die Immobilie nach eigenen Wünschen gestalten will und an einem Ort verwurzelt ist, zieht auch emotionalen Nutzen aus dem Eigentum.

Wann Mieten klar besser ist

Umgekehrt gibt es Situationen, in denen der Mieterstatus deutlich vorteilhafter ist:

Kurze geplante Haltedauer: Wer absehbar in 5–7 Jahren wieder umzieht (Jobwechsel, Familiensituation), wird den Kaufnebenkosten-Break-even kaum erreichen.
Hoher Kaufpreisfaktor: In Metropolen mit Faktoren uber 35 ist die monatliche Mietbelastung oft niedriger als die Summe aller Eigentumskosten.
Unsichere Einkommenslage: Selbstandige oder Personen in Branchen mit unklarer Zukunft sollten die Illiquiditat von Immobilienvermogen nicht unterschatzen.
Starkes Investmentinteresse: Wer diszipliniert die Differenz zwischen Miete und hypothetischer Rate in ETFs investiert, kann uber 20+ Jahre vergleichbares oder hoheres Vermogen aufbauen.
Berufliche Flexibilitat: Wer karrierebedingt mobil sein muss oder will, opfert durch Eigentum Optionen, die schwer zu monetarisieren sind.

Mietpreisanstieg vs. Wertsteigerung — historische Daten Deutschland

Eine faire Kaufen-vs.-Mieten-Rechnung muss beide Seiten dynamisch betrachten. Eigentümer profitieren von steigenden Immobilienwerten. Mieter sehen steigende Mieten, haben aber gleichzeitig ihr investiertes Kapital, das ebenfalls wächst.

Zeitraum
Immobilienpreise (nominal)
Mieten (nominal)
2000–2010
+ 5–10 % gesamt (stagnation)
+ 15–20 % gesamt
2010–2022
+ 80–150 % (Boomphase)
+ 30–60 % gesamt
2022–2024
- 10–15 % (Zinskorrektur)
+ 8–15 % (Mangel)
Gesamt 2000–2024
ca. + 100–150 % nominal
ca. + 60–80 % nominal

Quelle: Bundesbank, empirica, JLL. Die Boomphase 2010–2022 war historisch einmalig und wurde durch Niedrigstzinsen befeuert. Eine Wiederholung dieser Wertsteigerungsraten ist nicht gesichert. Wer seinen Kaufentscheid auf Wertsteigerungserwartungen aufbaut, geht ein spekulatives Risiko ein.

Rechenbeispiel München vs. Leipzig — das extreme Spektrum

Zwei Städte, zwei völlig verschiedene Rechnungen. Annahme: 80 m²-Wohnung, 2 Personen, gleiche Lebenssituation. Stand 2025:

Kennzahl
Munchen
Leipzig
Kaufpreis (80 m²)
ca. 700.000 €
ca. 200.000 €
Kaltmiete vergleichbar
ca. 1.800 €/Monat
ca. 750 €/Monat
Kaufpreisfaktor
ca. 32
ca. 22
Kaufnebenkosten (8,5 %)
ca. 59.500 €
ca. 17.000 €
Eigenkapital 20 %
140.000 €
40.000 €
Monatliche Kreditrate (3,5 %, 2 % Tilg.)
ca. 2.567 €
ca. 733 €
Instandhaltung/Monat
ca. 350 €
ca. 100 €
Opportunitätskosten EK/Monat
ca. 1.167 €
ca. 333 €
Gesamtkosten Eigentum/Monat
ca. 4.204 €
ca. 1.266 €
Vergleich Miete
1.800 €
750 €
Monatlicher Mehrkostenblock
ca. 2.404 €
ca. 516 €
Break-even (Schatzung)
25–35 Jahre
8–12 Jahre

In München ist die monatliche Mehrbelastung durch Eigentum so hoch, dass selbst bei starker Wertsteigerung ein finanzieller Break-even erst nach Jahrzehnten eintritt. In Leipzig dagegen ist der Kauf bei langem Zeithorizont klar vorteilhaft. Diese zwei Beispiele illustrieren, warum pauschale Aussagen zum Thema Kaufen vs. Mieten wenig Aussagekraft haben.

Eigennutzung vs. Kapitalanlage — eine andere Logik

Die obige Rechnung gilt primär für selbst genutztes Eigentum. Wer eine Immobilie als Kapitalanlage zur Vermietung kauft, denkt grundlegend anders. Hier steht nicht der Vergleich zur eigenen Miete im Vordergrund, sondern die Rendite auf das eingesetzte Kapital — Brutto-Mietrendite, Netto-Rendite und Leverage-Effekt.

Ein Investor kauft eine 200.000-€-Wohnung, vermietet sie für 900 €/Monat kalt und finanziert mit 20 % Eigenkapital. Die Brutto-Mietrendite liegt bei 5,4 %. Nach Abzug aller Kosten und Steuervorteilen (AfA, Werbungskosten) kann die Netto-Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital durch den Hebel deutlich höher sein — oder auch deutlich niedriger, wenn Leerstand oder Mietausfälle eintreten. Für Kapitalanleger gelten andere Bewertungsmaßstäbe als für Eigennutzer. Der wichtigste: Ist die Netto-Rendite höher als der Kreditzins? Ist sie das, entsteht positiver Leverage.

Die emotionale Dimension — was Zahlen nicht erfassen

Trotz aller Zahlen ist Wohneigentum keine rein rationale Entscheidung. Viele Menschen schätzen die Sicherheit, nicht gekündigt werden zu können (abgesehen von Eigenbedarfskündigungen). Die Freiheit, Wände zu streichen, umzubauen und zu gestalten. Das Gefühl, "angekommen" zu sein. Diese immateriellen Werte lassen sich nicht in Euro ausdrücken, können aber für die individuelle Lebensqualität erheblich sein. Die Faustregel sollte lauten: Wenn Kaufen und Mieten finanziell ungefähr gleichwertig sind (Break-even in 10–15 Jahren), entscheiden persönliche Präferenzen. Nur wenn Kaufen finanziell deutlich schlechter abschneidet (wie in vielen Metropolen), sollte man die emotionale Präferenz für Eigentum auch monetär bewerten.

Checkliste vor der Kaufentscheidung

Kaufpreisfaktor ermitteln: Kaufpreis durch Jahreskaltmiete der Wohnung teilen. Unter 20 ist gunstig, uber 30 kritisch prüfen.
Break-even berechnen: Alle Kaufnebenkosten und laufenden Mehrkosten gegenuber Miete ermitteln. Mindesthaltedauer realistisch einschatzen.
Eigenkapital prüfen: Mindestens 20 % Eigenkapital plus Kaufnebenkosten sollten aus eigenen Mitteln kommen, ohne Notreserven zu erschopfen.
Opportunitätskosten einbeziehen: Was bringt das Eigenkapital alternativ — konservativ mit 5 %, optimistisch mit 7–8 % p. a. rechnen.
Lebensplanung abgleichen: Wie realistisch ist es, 15–20 Jahre am gleichen Ort zu bleiben? Familie, Beruf, Partnerschaft bedacht?
Marktlage prüfen: Zinsniveau, lokale Leerstandsquoten und Mietentwicklung der Zielregion analysieren.

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Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung dar. Angaben ohne Gewähr — Gesetze und Rechtsprechung können sich ändern. Für verbindliche Auskünfte wenden Sie sich bitte an einen zugelassenen Rechtsanwalt oder Steuerberater.

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